Ich kann für mich aus vollster Überzeugung sagen: Ich bin Femdom.
Wer jetzt bei diesem Wort sofort an hochglanzpolierte Lackledercatsuits, englische Erziehung und unnahbares Dominanzgehabe in vorgefertigten „Sessions“ denkt: Kurz durchatmen. Zeit für einen gepflegten Realitätscheck.
Was „Femdom“ wirklich bedeutet (und was eben nicht)
Fangen wir ganz unspektakulär beim Vokabelheft an: „Femdom“ steht schlicht für Female Dominance – weibliche Dominanz. Der Begriff stammt aus dem BDSM-Kosmos und beschreibt zum einen die erotische Dynamik, in der die Frau die Führung übernimmt, und zum anderen die dominante Frau selbst: die Female Dom.
Soweit, so simpel. Wäre da nicht die Unart, diesen Begriff ständig mit der berufsmäßigen Domina in einen Topf zu werfen. Da kriege ich Schnappatmung! Denn das – man verzeihe mir den blöden Witz – sind zwei komplett unterschiedliche Paar Stiefel:
Die Domina: Sie bietet, zeitlich begrenzt, die Illusion von Dominanz als Dienstleistung an. Sie erfüllt gegen Bezahlung die BDSM- und Fetisch-Fantasien ihrer Kunden nach deren Wunsch. Das ist ein Job. Eine Domina muss dafür privat weder dominant ticken noch irgendeine persönliche Lust an der Szene empfinden. Oft geht es dabei auch schlicht um das reine Abarbeiten diverser Praktiken. Sexwork eben.
Die Femdom: Sie tut das, was sie tut, nicht als Serviceangebot für andere. Eine Femdom ist dominant, weil es in ihrer Natur liegt, aus ihrem tiefsten Inneren kommt und ihr schlichtweg viel Freude und eigene Lust bereitet. Es ist der ehrliche Ausdruck ihrer höchst eigenen Sexualität und Persönlichkeit. Wie viel Raum diese Dominanz in ihrem Alltag einnimmt und wie und wann sie sich genau äußert, ist dabei natürlich so individuell wie Erotik bei uns Menschen nun mal immer ist.
Genau deshalb schmerzt mich diese kommerzialisierte, pornogeprägte Abziehbild-Version von Femdom so sehr: Eine übersexualisierte, auf ihren Körper reduzierte Kunstfigur, die brav für Geld männliche Extremfantasien abarbeitet. Daran ist rein gar nichts dominant. Das ist keine Stärke, sondern das Abspulen eines Klischees. Wenn Dominanz zur bloßen Dienstleistung verkommt, verliert sie alles, was sie ausmacht: Haltung, Authentizität und Eigensinn. Und letztendlich auch ihre Menschlichkeit. Die Frau wird hier schon wieder zur gut steuerbaren, leicht zu kontrollierenden, erotischen Entertainerin. Zur Ware.
Und nein, das ist keine Kritik an jenen Frauen, die dieser Arbeit nachgehen. Aber an einem System.
Wie ich mein Femdomsein definiere – und warum es mich erfüllt
Für mich beginnt Femdomsein nicht im Kleiderschrank und auch nicht in der Spielzeugtasche, sondern im Kopf. Es ist die tief empfundene Freude daran, selbstbewusst die Führung zu übernehmen – im Bett genauso wie im Leben. Nicht, um eine Rolle zu spielen, sondern weil es sich eben gut und richtig anfühlt. Und weil ich es kann.
Ich muss mich für niemanden verbiegen, um zu gefallen, und mich garantiert nicht klein machen, nur um irgendwelchen verstaubten Erwartungshaltungen zu entsprechen. Eine Frau wird nicht erst durch die Anpassung an gesellschaftliche Vorgaben zur Frau oder zur Femdom – sie ist es einfach. Und genauso wenig brauche ich von außen verpasste Abzeichen oder eine Erlaubnis, um dominant zu sein. Ich kann auch morgens um halb sieben, völlig verpennt, ungeschminkt und barfuß im Kuschelpyjama die absolute Königin sein. Weil diese Kraft aus mir selbst heraus entsteht und mir von niemandem verliehen werden muss.
Heißt das im Gegenzug, dass Fetisch, Sadismus und Optik keinen Platz haben? Ganz im Gegenteil! Ich habe einen ausgesprochenen Hang zum Kink, liebe meine kreative, sadistische Ader und bekenne mich absolut zu meinen Vorlieben wie den absolut klischeebeladenen, übertrieben sexy Overknees und bescheuert hohen, crazy High Heels.
Der Unterschied zur Dienstleistung liegt im Blickwinkel: Die Stiefel sind mein Spielzeug, eine optische Freude und der Ausdruck meiner Lust – nicht das Fundament meiner Persönlichkeit, keine Notwendigkeit und ganz sicher keine „Arbeitskleidung“ für fremde Blicke. Wem ich darin nicht gefalle, darf gerne wegsehen.
Und ganz sicher gibt es auch jede Menge Femdoms, die für diese Form von Mode und Optik rein gar nichts übrig haben. Vollkommen in Ordnung, es lebe die Individualität!
Grundsätzlich erfüllt es mich zutiefst, die Zügel in der Hand zu halten und klar zu sagen, wo es langgeht. Weil es Spaß macht, weil es befreit und weil es eine unglaublich intensive Form von Intimität schafft. Natürlich braucht man dafür das passende Gegenüber und absolute, beidseitige Einvernehmlichkeit. Denn echte Dominanz braucht kein künstliches Podest, sondern Konsens. Und sie wirkt mit dem richtigen Partner von ganz allein.
Und wo sortiert sich da die FLR ein?
Erst an diesem Punkt lohnt sich der Blick auf Beziehungsstrukturen. Denn erstaunlich oft wird Femdom automatisch mit einer FLR (Female Led Relationship) gleichgesetzt.
Ja, für manche Femdoms ist eine FLR genau das richtige Modell, um diese Dominanz auch im durchstrukturierten Alltag – von der gemeinsamen Erotik bis zur Frage, wer die Mülltonne an die Straße stellt – fest zu verankern. Aber das eine ist definitiv nicht zwangsläufig die Voraussetzung für das andere:
Femdom beschreibt den persönlichen Wesenszug und die erotische Dynamik. Und man kann logischerweise starke, umfassende weibliche Dominanz im Bett ausleben und genießen, ohne gleich ein rundum geregeltes Alltags-Regime aus der eigenen Partnerschaft zu machen.
Eine FLR hingegen ist ein formelles Beziehungsmodell – und eine solche weiblich geführte Beziehung kann, wenn das zu beiden Partnern passt, sogar völlig ohne BDSM- oder Kink-Elemente funktionieren. Solange klar ist, dass die Frau hier die Regeln macht.
Also: Dass eine FLR von einer Femdom geführt wird, ist sehr wahrscheinlich. Aber nicht jede Femdom hat Lust auf eine FLR.
Weiterlesen: Femdomsein, Was bedeutet sexuelle Dominanz – für mich? und Nicht dasselbe: Femdom, FLR und der Unterschied zwischen Bett und Alltag
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