FLR ist kein emotionaler Shortcut

Oder: Die Kunst der Selbstregulierung

Die Vorstellung einer Female Led Relationship (FLR) übt auf manche Menschen einen enorm großen Reiz aus. Und das liegt meistens nicht nur an den klaren Strukturen oder dem prickelnden, sexy Spiel mit der Macht. Für viele Männer ist die Idee, die Kontrolle abzugeben, die ultimative Sehnsucht nach Entlastung. Endlich mal nicht der Fels in der Brandung sein müssen. Endlich mal den Autopiloten ausschalten und sich blind leiten lassen.

Endlich reguliert jemand meine anstrengenden Gefühle für mich.

Und genau hier beginnt der Selbstbetrug.

Denn „Kontrolle abgeben“ wird oft mit etwas ganz anderem verwechselt: dem Abgeben der Verantwortung für das eigene Innenleben.

Ich habe in der Vergangenheit selbst Erfahrungen mit Subs gemacht, die sich emotional kaum selbst regulieren konnten. Und das Paradoxe daran war: Je weniger sie sich selbst im Griff hatten, desto spannender, intensiver und fast schon rauschhafter empfanden sie die Kontrollabgabe. Sie sehnten sich regelrecht nach der führenden Hand, die das Chaos in ihnen für sie ordnet.

Das Problem an der Sache? Das Ergebnis war letztendlich meistens verheerend.

Denn das eigene Seelenleben lässt sich eben nicht outsourcen, und eine führende Frau ist auch nicht dafür da, die emotionale Aufräumarbeit ihres Partners zu übernehmen. Fehlt die Selbstregulierung, kollabiert das schönste FLR-Konstrukt schneller, als man gucken kann – und meistens auf sehr dramatische Weise, genau weil so viele unbenannte, hochgekochte Gefühle unter der Oberfläche brodeln.

Was bedeutet Selbstregulierung eigentlich? (Spoiler: Es ist kein Gefühlsverbot)

Bevor wir tiefer einsteigen, räumen wir kurz mit einem Missverständnis auf. Selbstregulierung bedeutet nicht, dass wir zu gefühlskalten Robotern werden müssen oder Gefühle wie Wut, Angst oder Unsicherheit einfach herunterschlucken und nicht aussprechen. Das wäre keine Regulierung, das wäre Verdrängung – und die fliegt uns irgendwann sowieso um die Ohren.

Es geht vielmehr um diese eine winzige Sekunde Pause zwischen dem Moment, in dem ein Gefühl in uns hochkocht, und dem Moment, in dem wir handeln.

Es ist die Fähigkeit, durchzuatmen, das Gefühl kurz zu betrachten, es als das zu benennen, was es ist und zu sagen: „Ah, okay. Dieses Gefühl ist gerade da. Aber ich entscheide jetzt, wie ich mich verhalte – und ich lasse meine Laune nicht ungefiltert an meinem Partner oder meiner Partnerin aus.“

Es geht um die fundamentale Erkenntnis: Ein Mensch kann zwar ein Gefühl in mir auslösen, aber für das, was ich danach damit mache, bin ich ganz allein zuständig.

Selbstregulierung bedeutet nicht, keine wunden Punkte mehr zu haben. Sie bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir mit ihnen umgehen.

Die führende Frau: Warum Souveränität auch verletzlich sein darf

Um als Frau eine FLR empathisch und direktiv zu leiten, braucht es eine stabile Basis. Ich merke das an mir selbst: Gefühle wie Wut, Stress oder Schmerz habe ich über die Jahre hinweg insgesamt wirklich sehr gut unter Kontrolle bekommen. Wenn es im Alltag stürmt oder die Dynamik mal chaotisch wird, hilft mir diese Kontrolle, ruhig, souverän und – was am wichtigsten ist – für meinen Partner berechenbar zu bleiben.

Er weiß, dass ich kein unberechenbarer Tyrann bin, der seine Launen an ihm auslässt oder einfach völlig überfordert selbst kollabiert.

Und genau diese Berechenbarkeit gibt ihm die Sicherheit, sich überhaupt erst fallen lassen zu können.Aber – und dieses „Aber“ ist mir wirklich wichtig: Ich bin kein emotionaler Übermensch. Auch ich habe meine Baustellen. Wenn in mir negative Gefühle hochkommen, die Unsicherheit auslösen – wie zum Beispiel das Gefühl von Einsamkeit oder das Gefühl, für mein Gegenüber nicht wichtig zu sein –, dann komme ich ins Schlingern. Da muss ich auch heute noch intensiv an mir arbeiten.

Es ist meine ganz persönliche Lebensaufgabe, mich in diesen Momenten selbst einzufangen.

Und genau das ist der Punkt: Ich darf und will diese Unsicherheit nicht auf mein Gegenüber abwälzen. Er ist nicht schuld an meinen Gefühlen. Ich kann von ihm nicht verlangen, dass er durch sein Handeln meinen inneren Knoten löst.

Das muss ich selbst schaffen.

Der Sub in der Pflicht: Verantwortung lässt sich nicht wegunterwerfen

Auf der anderen Seite der Dynamik sieht es nicht anders aus. Ein Sub, der die Führung abgibt, gibt damit nicht seinen Verstand oder seine Eigenverantwortung ab.

Wenn ein Sub gänzlich unfähig ist, sich selbst zu regulieren, rutscht die FLR ganz schnell in eine Dynamik ab, die niemand von uns will: eine ungesunde Mutter-Kind-Beziehung. Dann wird die Partnerin plötzlich zur emotionalen Kindergärtnerin, die den Partner bei jedem Frust trösten, jede schlechte Laune abfedern und seine emotionalen Ausbrüche moderieren muss.

Und seien wir mal ehrlich: Sie soll dann oft auch noch konstant dafür sorgen, dass sein Geilheitslevel hoch genug bleibt, damit er weiterhin Lust auf seine Rolle hat. Das hat nichts mit einer reizvollen Dynamik auf Augenhöhe zu tun, sondern ist schlicht anstrengend.

Wahre Hingabe und gesunde Kontrollabgabe erfordern paradoxerweise ein extrem hohes Maß an innerer Stärke und Selbstbeherrschung. Nur wer gelernt hat, seine eigenen Trigger – sei es das gesellschaftlich antrainierte Ego, die Angst vor Schwäche oder der Stolz – selbst zu regulieren, kann sich wirklich vertrauensvoll in die Hände einer Frau begeben.

Wer sich selbst nicht im Griff hat, rebelliert beim kleinsten Gegenwind mit passivem Widerstand, Flucht oder Schmollen.Und das zerstört jede erotische und partnerschaftliche Dynamik.

Fazit: Die FLR ist keine Abkürzung

Am Ende des Tages dürfen wir uns eingestehen: Eine FLR ist kein bequemer Shortcut, um den eigenen emotionalen Baustellen zu entkommen.

Das kann sie einfach nicht leisten.

Wir können und dürfen in keiner Position der Welt vom Partner oder der Partnerin verlangen, dass er oder sie die emotionale Aufräumarbeit für uns übernimmt. Eine FLR funktioniert (wie jede andere Beziehung auch) dann am besten, wenn zwei emotional eigenverantwortliche, stabile Menschen aufeinandertreffen, die ihre eigenen Stürme im Wasserglas selbst beruhigen können.

Denn am Ende ist eine FLR vielleicht genau deshalb ein so ehrlicher Spiegel: Sie zeigt uns sehr schnell, wo wir uns selbst noch nicht führen können. Erst wenn wir uns selbst führen können, sind wir bereit, Führung und Hingabe mit echter Tiefe zu leben.


(Für alle, die tiefer ins Thema einsteigen möchten und gerne lesen, hier noch eine persönliche Buchempfehlung: „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen(und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)“ – von Philippa Perry)

Mehr zur Selbstregulation und den weiteren Säulen einer stabilen FLR findest du auf meiner Seite Alles zur FLR.

Kommentare

  1. Avatar von ok

    Dazu nur zwei Fragen, weil das Thema ja jetzt schon in vielen Artikeln vorkam. Sind Sie der wirklich Meinung, dass die meisten Männer unreflektiert sind und emotionale Kleinkinder? Mit meiner Erfahrung deckt sich das nämlich nicht, da sind die meisten Männer verlässliche Versorger, die Familien stabilisieren. Gibt es nichts Positives, dass Sie über Männer sagen können? (ohne „aber …“)

    1. Avatar von Commandress

      1.Ja. Alle.
      2. Selbstverständlich *nicht*. Gar nichts, null. Über keinen einzigen.

      1. Avatar von Commandress

        Ich habe jetzt noch mal drüber geschlafen.
        Punkt 2 möchte ich revidieren: manche riechen gut und sind groß und stark genug, schwere Dinge von ganz oben im Regal runter zu heben. Das ist Positiv, ganz ohne Aber.

  2. Avatar von HA

    Hm, früher gab es hier nicht so viel Male bashing und Sub bashing. Der Kollege oben trifft mit seiner provokanten Frage schon einen wunden Punkt. Ist männliche Leserschaft nicht mehr gewünscht? Hier ein paar Zitate aus den letzten Blog Einträgen:

    „Nur wer gelernt hat, seine eigenen Trigger – sei es das gesellschaftlich antrainierte Ego, die Angst vor Schwäche oder der Stolz – selbst zu regulieren, kann sich wirklich vertrauensvoll in die Hände einer Frau begeben.“ => Klischee vom sogenannten „Ego“. Stellt Männer als ängstlich und stolz dar.

    „Damit deine nächste Nachricht nicht ungelesen im Papierkorb landet, solltest du die handwerklichen und kommunikativen Fehler abstellen, bevor du auf Absenden klickst.“ => Männer werden als dumm und umkommunikativ dargestellt.

    „Ein Mann, der seine Devotion selbstsicher und mit einer gewissen Grundzufriedenheit lebt, bricht mit einem sehr engen Bild von Männlichkeit.“ => Wessen Bild? Das der Autorin? Stichwort „Frauen reden über Männlichkeit“

    „Ein Mann, der mit seiner Devotion im Reinen ist, muss weniger kompensieren.“ => Weniger? Also muss ein Mann immer irgendetwas „kompensieren“? Stellt Männer als pauschal defizitär dar.

    „Ich glaube, das ist einer der Punkte, der für so manchen Sub am schwersten zu akzeptieren ist: dass eben auch eine FLR mit BDSM Elementen erwachsene Beziehungsarbeit von beiden erfordert, Kink hin oder her.“ => Subs wird unterstellt, dass sie keine Beziehungsarbeit leisten.

    Wenn man die letzten Blog-Artikel so liest, dann erkennt man eine gewisse Abneigung und Überheblichkeit gegenüber Männern. Ich würde mir wünschen, es gäbe nicht immer den erhobenen Zeigefinger um zu erklären, was Subs und Männer alles falsch machen und wie ein richtiger Sub sein muss. Ein etwas versöhnlicherer Stil würde diesem Blog guttun, etwas das nicht ganz so verbittert gegenüber Männern klingt.

    1. Avatar von Commandress

      Danke für dein detailliertes Feedback. Es ist absolut nicht meine Absicht, Männer oder Subs pauschal abzuwerten. Mein Anspruch auf diesem Blog ist es jedoch, die Dynamiken einer FLR ehrlich und ohne Weichspüler zu beleuchten. Dazu gehören auch die ungemütlichen Themen wie emotionale Reife, Kommunikationsfehler oder das Patriarchat in unseren Köpfen. Dass ich dabei hohe Erwartungen an beide Partner formuliere – und mich bei meinen eigenen Schwächen nicht ausnehme –, ist für mich der Kern von Beziehungsarbeit auf Augenhöhe. Wer klare Führung sucht, darf auch mit klarer Sprache umgehen können.

      1. Avatar von Karl

        Also ich möchte Dir hier inhaltlich gar nicht widersprechen. Ich glaube du sprichst auch wirklich wichtige Punkte an.
        Aber auf mich wirkt der Artikel einfach etwas so als wer er aus Frust Deinem Ex gegenüber geschrieben und das muss vielleicht nicht sein bzw. ixh kann mir vorstellen dass es dadurch vielleicht auch etwas bashig wirkt (siehe andere Kommentare). ich bin einfach auch nicht so Fan solche Sachen zu veröffentlichen, bei denen eh jeder weiß wen Du damit wohl meinen könntest und der sich dazu aber nicht äußern kann/will/sollte was auch immer. Ich finde das sieht man auch in der szene ganz viel. Also dass Menschen im joyclub zb öffentlixh für alle Details aus der vorherigen Beziehung beschrieben und man halt weiß wer gemeint ist

        1. Avatar von Commandress

          Ich bin nun Mitte 40 – und eine aktive Femdom. Ich schreibe hier über Partnerschaften und ein bestimmtes Beziehungsmodell. Dabei schöpfe ich aus einem gewissen Erfahrungsschatz.
          Nicht jeder Sub den ich erwähne, ist mein letzter Expartner, egal wie „logisch“ dir das vorkommt.

          Zu sagen, dass Selbstregulierung bei Malesubs sehr oft zu kurz kommt und die Auswirkungen dieses Mangels verheerend sein können, ist außerdem absolut kein „Männerbashing“, sondern eine Tatsache, die viel mehr Beachtung finden sollte. Und zwar, weil sie so viele Beziehungen einfach deutlich *besser* machen könnte.

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