FLR aus der Sicht einer FemSub: Zwischen Alltagspragmatismus und echter Dominanz
Die meisten Diskussionen über Female Led Relationships drehen sich um die Konstellation FemDom und maleSub. Doch wie sieht es aus, wenn eine submissive Frau (FemSub) auf weibliche Führung blickt?
Anouk hat sich dieser Frage gestellt und einen bemerkenswert tiefgründigen und vielschichtigen Beitrag verfasst.
Sie trennt klar zwischen FLR mit und ohne BDSM, spricht über die Gefahr von „Regel-Fallen“ und erklärt, warum ihre Libido „im Keller Zeitung lesen geht“, wenn es nur um Orgasmuskontrolle geht.
Ein Text, der zeigt, dass Hingabe nichts mit Unselbstständigkeit zu tun hat – und dass echte Dominanz keine starre Anleitung braucht.
Hier findet ihr ihren Text:
Beziehungsfragen – FLR und D/s
Als Sub wurde mir die Frage gestellt: Wie stehe ich zu einer FLR – und welche Vor- und Nachteile kommen mir womöglich dabei in den Sinn?
Um die Bedeutung scheinen sich viele (pornografische) Mythen gewoben zu haben, die auch an mir nicht spurlos vorüber gezogen sind. Mir war nämlich bisher nicht klar, dass FLR gar nicht zwingend etwas mit BDSM zu tun haben muss – FLR vertauscht die klassische Rollenverteilung in der Gesellschaft. Die wiederrum könnte man auch MLR nennen, also Male Led Relationship.
Es ist schwieriger als gedacht, diese Frage auch nach eigener Zufriedenheit zu beantworten. Das Thema kann aus so vielen unterschiedlichen Gesichtspunkten aus betrachtet werden, dass es scheinbar nie endet. Ich versuche es dennoch.
FLR ohne BDSM
Stelle ich mir jetzt also vor, statt einem Mann gibt eine Frau alle maßgeblichen Regeln vor, sehe ich erstmal keinen Unterschied außer dem Geschlecht. Die Herangehensweisen sollten sich aber dann doch meistens spürbar voneinander unterscheiden, da eben Mann und Frau verschieden sind / sein können.
Kann ich mir eine solche Beziehungsform vorstellen?
Ja, da ich gerne mit Männern und Frauen Beziehungen eingehe, allerdings nicht gleichzeitig und willkürlich.
Vor- und Nachteile schätze ich hier wie typische Vanillabeziehungen ein. Entscheidungen werden statt einem männlichen Part von einem weiblichen übernommen. Ohne BDSM sehe ich kein wirkliches Machtgefälle, wobei im FLR vermehrt die Frau die Entscheidungen trifft und im MLR der Mann, der andere Part könnte aber jederzeit ebenso Entscheidungen treffen, möchte das aber meist nicht.
Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich noch nie eine Beziehung geführt, in der ich automatisch Dinge vorgegeben hätte, vielleicht weil es praktisch gewesen wäre – das liegt mir einfach nicht, es wird mir nach einer Weile sogar lästig. Mir persönlich würde nämlich etwas langfristig fehlen – Dominanz.
FLR mit BDSM
Hier muss ich viel weiter ausholen, wohl auch weil es für mich jetzt erst so richtig interessant wird. Dennoch beginne ich erstmal woanders – beim alltäglichen Handeln / Denken und Entscheiden.
Ich bin davon überzeugt, um im Alltag zu funktionieren braucht es an einigen Stellen Selbstständigkeit. Bei Geschäftlichen oder Familienangelegenheiten kann ich nicht ständig darauf warten, dass mir Dinge aus der Hand genommen und Lösungsansätze angeboten werden – ich muss selbst überlegen.
Das mag für einige Dom/mes erstmal abschreckend wirken und für einige Leser:innen total unstimmig erscheinen, jedoch gibt es hier markante Unterschiede:
- die Liebe zur Familie ist komplett verschieden (zu einer Beziehung / Paar)
- im Beruflichen habe ich keine tiefe Bindungen
- der sexuelle Bereich entfällt komplett
Das Thema ist also viel komplexer, als es im ersten Moment scheint und hat meiner Meinung nach viele Vorteile für Dom/me.
Ein häufiges Problem vieler Dom/mes ist es, (wie ich öfter lese) die Entscheidungslast von Sub regelrecht aufgedrängt zu bekommen und sich dann fast wie eine Pflegekraft oder Mutter (kein Kink / Fetisch Kontext!) zu fühlen – während Sub völlig passiv auf neue Reize wartet. Möglicherweise ist es (manchmal jedenfalls) ein gegenseitiges Missverständnis?
MUSS das so sein, weil es irgendwo im Internet steht? Ich fürchte bei so einigen lautet die Antwort ehrlicherweise JA. Ich habe übrigens auch mal geglaubt, eine “gute Sub” müsse sich voll und ganz an die Bedürfnisse von Dom/me anpassen und damit eigenes Denken und Handeln so gut wie möglich einstellen. Was für ein Blödsinn!
Auch Sub ist eine erwachsene Person und kann / muss im Alltag selbstständig Probleme lösen und eigenständig handeln, ohne den Substatus zu verlieren. Wer hier anderes vermittelt ist in meinen Augen nur mit Vorsicht zu genießen. Bitte nicht vergessen, hier geht es um langfristige Beziehungsformen, nicht um kurzfristige oder unverbindliche Sessions!
Positiver Nebeneffekt: Dom/me läuft nicht Gefahr jedes noch so kleine Detail vorgeben und überprüfen zu müssen. (die Brat in mir muss gerade sehr schmunzeln)
Weiter geht es erstmal mit einem anderen für mich sehr wichtigen Punkt – dem D/s [Dominanz und Submission]. Es ist augenscheinlich ein Teilbereich aus dem Hauptbegriff BDSM – gemeint ist grob ausgedrückt: Herrschaft und Dominanz sowie Unterwerfung und Unterordnung, meist mit psychischer Manipulation (gemeint sind kleine neckische Gemeinheiten, keine bewusste Schädigung / Brechen von Sub).
Hier fühle ich mich zuhause / angekommen. Warum das so ist, sollen folgende Sätze einwenig verdeutlichen. Jedoch ist es nur eine Art Querschnitt, tiefer ins Detail zu gehen würde den Rahmen hier komplett sprengen.
Grundlegendes von mir
Ich habe schon als Kind gespürt, dass da etwas in mir ist, was ich damals natürlich in keiner Weise hätte beschreiben können. Mit der Entdeckung der Sexualität wurde es noch deutlicher und greifbarer. Als ich schließlich in der Lage war, meine Gefühle (für mich selbst) richtig einzuordnen, war mir ziemlich schnell klar:
- typische / klassische Beziehungen sind für mich nicht vollends befriedigend
- ich bin eindeutig devot (die dominante Seite kickt mich überhaupt nicht) / ich switche nicht
- Unverbindlichkeit funktioniert nicht bei mir (Sessions, Gelegenheitstreffen, ua.)
- ohne Vertrauen und Zeit kann ich mich nicht entfalten
- es geht mir nicht vordergründig um Sex und Orgasmus, sondern um tiefe emotionale Verbindungen
- Liebe, Vertrauen und Zeit sind mir genauso wichtig, wie vor Dom/me auf die Knie zu gehen, um meine Unterwürfigkeit zu zeigen
- statt extreme Praktiken mit viel Aufmerksamkeit und Geschrei, bezvorzuge ich subtile Körpersprache / Dominanz – Mimik, Gestik, Kommunikation mit Dynamik / Feedback
Somit kann ich sagen, geht es im FLR vordergründig um D/s, kann ich mir diese Beziehungsform sogar sehr gut vorstellen. Und es tut mir leid, liebe Männer, ich möchte euch keineswegs alle über einen Kamm scheren – meiner Meinung nach sind Frauen, in diesem Fall speziell FemDoms, häufig einfallsreicher und für mich damit auch grundlegend spannender, als es beispielsweise und mittlerweile ein MLR wäre.
Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass es MLR zu genüge überall gibt und dafür kann nun kein einzelner Mann oder ein Geschlecht verantwortlich gemacht werden – das Überangebot existiert ganz einfach.
Wo genau in einer Beziehung greift FLR ?
Am häufigsten existiert diese Form wohl zwischen maleSub und FemDom, da ist es verständlich, dass genau hier auch die meisten Denkansätze herumgeistern. Als FemSub finde ich äußerst wenig zum Thema und das möchte ich direkt ändern.
Es gibt zwei Hauptbereiche, den Alltag / Soziales und das Sexuelle. In beiden Bereichen hat FemDom durch vorherige Absprachen grundlegend eindeutig das Sagen. Wie tief diese Bereiche ausgefächert werden, kommt eben auf die beteiligten Personen an.
das Sexuelle
In diesem Bereich kann ich mich vollständig und gern auf den dominanten Part einlassen, was aber nicht bedeutet, dass ich selbst keine Ideen hätte. Mir fällt es aber zum Beispiel schwer hier Initiative zu ergreifen, deswegen versuche ich Lust und Spieltrieb meist mit Brattiness (spielerisches Necken, usw.) zu umschreiben.
Der Fokus auf Keuschhaltung und Orgasmuskontrolle funktioniert bei mir nicht sehr gut, weil es mir vordergründig um eine Dynamik mit dominanten Faktor geht und nicht um meine eigene Befriedigung. Es ist sogar so, sollte es nur um meinen Orgasmus und das Edging darum gehen, dass sich meine Libido direkt verabschiedet und im Keller Zeitung lesen geht.
Der Orgasmus von Dom/me interessiert mich da mehr, weil dann Dom/me im Mittelpunkt steht und ich mich (hart) benutzt / missbraucht (im Einverständnis!) fühlen kann / darf.
der Alltag und Soziales
Dieser Bereich ist komplexer, als das Sexuelle. Ich bestehe ja auch nicht nur aus Sex und Geilheit. Jeder Mensch hat alltägliche Pflichten und auch mal einen richtig miesen Tag, keine Lust auf Kink/ Sex oder ist krank. Ich benötige persönlich auch noch Raum und Zeit für mich selbst und kann nicht nur 24/7 an Dom/me denken. Sorry liebe Dom/mes Realität ist oft nicht so sexy, wie das Kopfkino.
Regeln die hier aufgestellt werden, sollten sinnvoll sein. Es ist eine komplexe Angelegenheit. Natürlich kommt es sehr darauf an, warum und von was genau Sub überfordert wird und ob Dom/me diese Regel (besonders) wichtig ist. Bei emotionaler Überforderung ist Dom/me gefragt und sollte vielleicht erstmal kleiner ansetzen, bei Bequemlichkeit oder Gewohnheit sollte sich Sub hingegen fragen, was er/sie wirklich möchte.
Ich finde es z.B. eher merkwürdig, wenn Dom/me so gar kein Interesse daran hegt, mit welchen Personen und auf welche Weise (sexuell/ flirten/ freundschaftlich) Sub mit diesen in Kontakt tritt.
Ist Sub aber dazu verpflichtet jede einzelne Sekunde des Tages Dom/me auf Abruf bereit zu stehen / eigene Hobbys verboten werden und nahezu alle Bedürfnisse von Dom/me vorauszuahnen sind, bin ich raus aus der Thematik. Denn das kann und will ich nicht (nochmal) leisten.
mögliche Nachteile der FLR
Es gibt noch andere Nachteile, die möglicherweise auf mich und Dom/me zukommen könnten.
Ein Machtgefälle kann wie oben schon angedeutet langfristig nicht ohne Regeln bestehen. Aber Regeln sind nicht gleich Regeln, eben weil auch Menschen verschieden sind. Wer diese nur aus einem Online Ratgeber abschreibt ist mit mir nicht kompatibel, wer hier nur seinen Egoismus bedienen will, ebenso wenig.
Und wo sehe ich Probleme?
Regeln (im D/s) in einer FLR sind meist dynamisch; dass bedeutet, es können im Laufe der Zeit neue dazukommen, aber alte auch wieder rausgenommen werden. Eine böse Falle entsteht, wenn Sub den dominanten Part nicht in ihrer/seiner Kreativität einschränken/ ausbremsen möchte und deshalb im Laufe der Zeit Regeln zustimmt, die entweder in der Vielzahl überfordern oder aber konkret für Sub nicht dauerhaft umsetzbar sind, obwohl er/sie es ernsthaft ebenso für richtig / spannend hält.
Eine solche Situation wieder zu entschärfen ist für alle Beteiligten eine richtig große Herausforderung, da es keine Schuldfrage geben sollte, es aber öfter als man es für möglich hält, innerlich zu schwelen beginnt und irgendwann die Beziehung deutlich spürbar gefährdet ist.
Somit sehe ich zu viele Regeln auf Dauer eher als kontraproduktiv, selbst wenn diese sogar beiden sinnvoll erscheinen. Der Fokus sollte auf Gemeinsamkeit, Lust und Spielfreude liegen, das sich jeden Tag neu entwickeln kann – auch wenn das Paar nicht zusammen wohnt.
Streitgespräche und Machtgefälle
Ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass Dom/me von mir verlangt, die eigenen Überzeugungen komplett abzulegen. Das habe ich auch versucht und es ist gescheitert, immer. Warum? Weil es mir Teile meiner Persönlichkeit untersagt, die mich aber ebenso zu dem machen, was und wer ich bin. Das wird mit mir nicht (mehr) funktionieren.
Es gibt nämlich Sichtweisen, die ich nicht akzeptieren kann – ja auch als devote / submissive Person. Gemeint sind ALLE Formen, die sich gegen die Menschenwürde richten und den Anspruch auf Toleranz erheben bzw. als “andere Meinung / Meinungsfreiheit” aufgewertet werden sollen.
Bei allen anderen Themen kann und möchte ich mich gern unterordnen und das letzte Wort von Dom/me akzeptieren. Es macht ja gerade den Sinn von D/s aus, wenn ein Blick aussagt, dass nun die Diskussionsgrenze von Dom/me erreicht ist.
Zusammenfassung
Wie stehe ich zu FLR?
Da mich Frauen faszinieren und ich definitiv nicht dominant in einer Beziehung sein will, spricht schon mal grundlegend nichts dagegen.
Welche Form von FLR kommt für mich in Frage?
Ohne BDSM wäre es für mich sehr ähnlich einer Vanilla Beziehung, daran hätte ich wohl langfristig weniger Freude. Das könnte unter Umständen sogar in Machtkämpfen ausarten, wenn mir etwas nicht sinnvoll erscheint.
Mit BDSM, spezielle gesagt, mit D/s stelle ich mir FLR als eine erstrebenswerte Beziehungsform vor. Denn Dominanz und Submission können sich im Idealfall zusammen entfalten, ohne (unsinnige Vorgaben) von Außen. Eine solche Beziehung hatte ich bisher aber noch nie, da es nur sehr wenige FemDoms gibt, die in meine Konstellation passen.
Ich möchte echte Dominanz spüren, keine erlernte oder mit der man vor anderen nur angeben will – auch keine die sich nur um Orgasmen dreht. Allerdings spreche ich nur von mir, jeder Mensch kann “echte Dominanz” für sich selbstverständlich anders definieren. Für mich passen D/s und FLR gut zusammen, weil ich glaube, dass dort die spannensten Resultate herauskommen.
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