Eine Femdom Lektüre
Ich wurde um Lektüre gebeten, die ich im Zusammenhang mit FLR und Femdom als erwähnenswert empfinde.
Deswegen habe ich „The Fortress“ noch einmal aus dem Regal geholt.
In der dystopischen Literatur gibt es Entwürfe, die weniger durch ihre Handlung als durch ihre Prämisse bestechen. „The Fortress“ der Autorin und Historikerin S.A. Jones ist für mich ein solches Buch.
Es führt uns nach Vane, eine isolierte Stadtfestung in der australischen Wüste, in der die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft konsequent umgekehrt wurden.
Der Protagonist Jonathon begibt sich freiwillig in dieses System, um Schulden abzuarbeiten. Was folgt, ist eine detaillierte Schilderung einer Welt, in der Frauen die absolute Souveränität innehaben und Männer sich in einem engen Korsett aus Gehorsam und Rollenzuweisung bewegen müssen. Quasi also eine Art Femdom-Festung, inklusive konsequenter Keuschhaltung der Männer, extremer körperlicher Arbeit und intensiver Fremdbestimmung der Insassen.
Häufig wird der Roman als eine Art „weibliches Gegenstück“ zu Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ vermarktet. Bei genauerer Betrachtung halte ich diesen Vergleich jedoch für wenig zielführend.
Stilistisch liegen Welten zwischen den Werken: Während Atwood eine kühle, fast klinische Präzision nutzt, um die Mechanismen totalitärer Macht zu sezieren, wirkt Jones’ Erzählweise direkter, aber auch weniger fokussiert. Manchmal dann wieder traumartig nebulös. Auch inhaltlich greift der Vergleich zu kurz. Atwoods Dystopie ist eine scharfe Warnung vor religiösem Fundamentalismus; Jones hingegen verliert sich oft in den zwischenmenschlichen Reibungsflächen, ohne die politische Dimension konsequent zu Ende zu führen.
Ein Punkt, der die Lektüre für mich zunehmend erschwert hat, ist die Darstellung der Machtausübung.
Der Roman thematisiert sexuelle Grenzverletzungen und psychische Belastungen, denen Jonathon ausgesetzt ist. Problematisch wird das dort, wo diese Übergriffe durch die Wahrnehmung des Protagonisten eine Ambivalenz erhalten: Jonathon empfindet die Situationen, die ihn eigentlich brechen oder demütigen sollen, oft als erregend.
Diese erzählerische Entscheidung birgt eine gewisse Gefahr. Wenn systemische Gewalt und sexuelle Unterwerfung in einen Kontext von Lust gerückt werden, nimmt das der Gesellschaftskritik die notwendige Schwere. Es entsteht ein unangenehmer Beigeschmack, wenn die belastenden Erfahrungen einer unterdrückten Gruppe als (unfreiwilliges) Stimulanz für das Opfer dargestellt werden.
Das hat mich tatsächlich mehrfach beim Lesen gestört.
Letztlich scheint sich „The Fortress“ nicht so ganz entscheiden zu können, was es sein möchte:
Eine feministisch motivierte Dystopie, die Machtstrukturen dekonstruiert?
Oder eine BDSM-nahe Fantasy, die das Spiel mit weiblicher Dominanz und männlicher Unterwerfung als Unterhaltungselement nutzt?
Meiner Ansicht nach stehen sich diese beiden Ansätze hier im Weg. Eine ernsthafte soziologische Untersuchung von Machtdynamiken verträgt sich nur schwer mit einer Ästhetik, die eben jene Machtausübung erotisiert.
Dadurch wirkt das Buch in seiner Botschaft auf mich unklar und im Umgang mit seinem Sujet mitunter widersprüchlich.
Fazit: „The Fortress“ bietet einen interessanten Denkansatz zur Umkehrung von Geschlechterrollen, scheitert aber an der eigenen Unentschlossenheit zwischen politischer Kritik und erotischem Sujet. Es bleibt ein Werk, das zwar wichtige Fragen aufwirft, durch seine effekthascherische Komponente jedoch an analytischer Tiefe verliert.
Allerdings bin ich mir recht sicher, dass „The Fortress“ so einiges an Kopfkinopotenzial für jene Leser (und eventuell Leserinnen?) bieten dürfte, die in der Lage sind, einfach über solcherlei kritische Fragen hinweg zu sehen und sich in eine brutale, frauenregierte, männerunterdrückende Fantasiewelt hinein zu träumen. Und davon habe ich hier doch garantiert so einige, möchte ich meinen.

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