Unfair

Sehr häufig werde ich damit konfrontiert, dass submissive Männer Sorge haben, sie könnten in einer D/s-Beziehung „unfair“ behandelt werden. Sie sehen sich konkret in der Gefahr, mehr in diese Dynamik hineinzustecken, als sie am Ende herausbekommen.

Diese Grundhaltung scheint weit verbreitet und betrifft sowohl reine Spielarrangements als auch angestrebte Partnerschaften.

Beziehung ist keine Transaktion

In allererster Linie scheinen Männer, die diese Angst in sich tragen, eine Beziehung offensichtlich als eine Art geschäftliche Transaktion zu verstehen: Er bietet sich als Sub an, möchte dafür aber auch einen – in seinem Kopf als „fair“ errechneten – Gegenwert in dominanter, weiblicher Zuwendung erhalten.

So läuft das nicht.

Ich verstehe natürlich den Grundgedanken, dass man sich nicht „ausnutzen“ lassen möchte. Aber eine Beziehung mit Machtgefälle ist eben kein Geschäft. Sie ist ein partnerschaftliches Miteinander.

Devotion und Dominanz sind unsere Gefühle, unser Wesen – keine Währung, die man gegeneinander aufrechnen kann.

Wer eine (Spiel-)Beziehung im D/s Kontext eingehen möchte, muss sich darauf verlassen können, dass er sich einen Menschen aussucht, der ebenfalls an einem echten Miteinander interessiert ist.

Da ist wieder der gesunde Menschenverstand gefragt, genau wie in jeder anderen Form von Beziehung eben auch.

Hegt man von vornherein den Verdacht, der Andere nutze einen über kurz oder lang aus, läuft bereits an der Basis etwas schief.

Ja, ich weiß, dass das von einschlägigen Profilen oft anders dargestellt wird und auch  der sogenannte „Tribut“ immer wieder ein Thema ist. Aber um es kurz zu machen: Das kommt von Menschen mit geschäftlichen Interessen, nicht zwischenmenschlichen. Als Forderung, so wie auch als Angebot. Immer. Und euch ist hoffentlich absolut klar, dass das zwei völlig verschiedene Welten sind.

Im D/s geht es nicht um einen Handel. Sondern um gemeinsam gelebte Neigungen.

Das Missverständnis des „Service-Gedankens“

Ich habe vor längerer Zeit einmal explizit einen Servicesub für eine spannende, private Feier gesucht. Die Suche stieß auf reges Interesse. Vorab wurde sehr klar kommuniziert, was geboten wurde (Zugang zu einer exklusiven Szene, respektvoller Umgang, die Möglichkeit, im Fetish zu dienen, Kontakt zu den Gästen) und was erwartet wurde (Ernsthaftigkeit, Zuverlässigkeit und echte Servicebereitschaft).

Einer der Interessenten beschrieb sich als szeneerfahren und trat sehr selbstbewusst auf.

Im Gespräch erklärte er allerdings, er habe bereits u.a. einige Erfahrungen als Putzsklave gemacht, die ihn enttäuscht hätten. Er sähe es nicht ein, „irgendwo zu putzen und dann nichts dafür zu bekommen“. Das Spiel mit dem Putzen sei schließlich „ein Geben und Nehmen“:

Er schlüpfe in die Rolle, um von der Dame oder einem Paar  anschließend bespielt zu werden. Alles andere erschiene ihm ausbeuterisch.

Er erwarte also ganz konkret, dass er auf der Feier „voll auf seine Kosten“ komme.


Tja.
Grundsätzlich verstehe ich seinen Punkt: Ein Putzsklave möchte natürlich PutzSklave sein – und nicht die unbezahlte, unsichtbare und unbeachtete Reinigungskraft. Das Sklavesein soll spürbar sein.

Aber – und das ist ein sehr großes Aber – seine Rechnung geht hier nicht auf. Er meint, er  putzt, oder „tut so“, als würde er putzen, damit er dafür im Anschluss eine volle Dominasession erhält. Als Lohn.

Möchte man das unbedingt als Transaktion sehen, stimmt aber schon der Wechselkurs nicht: Er überschätzt den Marktwert seiner Hausarbeit im Vergleich zu einer professionellen Session massiv.

Vor allem aber verkannte er den Kern der Sache: In meinem Fall war die Möglichkeit auf die von mir angebotene Weise zu dienen bereits das Privileg. Und der Spaß. Es war also an jemanden gerichtet, der genau das haben wollte – und es nicht nur als zu zahlenden Preis für eine zu erwartende Belohnung sah.

Wer den Dienst an sich nicht als erfüllend empfinden kann, ist im kinky Service-Bereich erst mal schlicht falsch.

Devotion rechnet nicht ab

​Exakt diese Problematik sehe ich immer wieder: Angebliche Subs fühlen sich, noch bevor sie überhaupt etwas geleistet haben, in der Position des Benachteiligten. Sie möchten sich rückversichern, dass sie für ihren „Einsatz“ auch ausreichend entlohnt werden.

Das ist nicht der Deal. War es nie.

Ja, es gibt Frauen, die wollen euer Geld. Manche bieten dafür einen konkreten Service an. Das ist dann ganz klar ein Geschäft. Und es gibt Frauen, die wollen euer Geld und absolut nichts dafür geben. Was das sein soll und ob ihr das für euch so haben wollt, müsst ihr selber wissen. Irgendeine komische Form von Deal ist es wohl dennoch, wenn auch in meinen Augen ein schlechter.

Aber eines ist es sicher nicht: eine D/s-Beziehung oder kinky Freundschaft.

Echte Devotion gibt, weil sie geben möchte. Und genauso ist es mit der Dominanz: Sie ist freiwillig und kommt von sich aus, weil sie ein intrinsisches Bedürfnis ist. Nicht, weil sie sich in irgend einer Form dafür bezahlt fühlt.

Wenn sich Dominant und Devot zusammentun, dann weil sie es beide wollen. Sie geben exakt das, was sie als richtig empfinden und so viel, wie sie jeweils genießen. Nicht als Aufrechnung gegeneinander, sondern als gemeinsame emotionale Rendite.

Ein Gefälle ist keine Waage

Selbstverständlich kann es sein, dass sich eine Dynamik für eine Seite irgendwann nicht mehr rund anfühlt. Dann muss man gemeinsam darüber sprechen, wo es hakt. Ein „Ich habe dies für dich gemacht, nun erwarte ich jenes von dir“, wird an eine Dominante gerichtet aber niemals funktionieren.

Eine D/s-Beziehung lebt von der Asymmetrie. Sie ist ein Gefälle, keine Waage. Dennoch sollte sie von beiden gleichermaßen getragen werden und niemals einseitig sein, sonst kann sie auf Dauer nicht bestehen.

Eine eher unpopuläre Meinung im FLR Kontext, ich weiß.

Devotion, die nur gibt, weil sie eine Gegenleistung erwartet, ist keine echte Hingabe. Und Dominanz, die nur nimmt, ohne zu führen oder zu nähren, ist keine echte Souveränität.

Letztendlich sind wir einfach komplementäre Menschen, die zusammenkommen, weil wir uns gegenseitig gut tun wollen. So einfach ist das.

Antworten

  1. Avatar von

    Ich fang mal von hinten an: Echte Hingabe ist, glaube ich, gekoppelt an tief empfundene Zuneigung. Die keinesfalls ‚aus dem Blauen heraus‘, etwa im Rahmen einer einzigen Veranstaltung, abgerufen werden kann. Diese Zuneigung ist keine Ego-getriebene Empfindung, sondern eine Herzensbewegung. Echte Hingabe kommt immer aus dem Herzen und ist selbstlos.

    Deshalb finde ich eine Art von „Tauschhandel“ jenseits der Herzensbewegungen, die bestimmte Settings nicht hergeben, völlig okay. Er schuftet einen Nachmittag in meinem Garten und möchte dafür an meinen Socken schnüffeln und den Arsch versohlt bekommen (wenn der Garten wirklich tip-top ist) — warum nicht? Find ich fair. Ist mir sogar lieber als die schwelende Hoffnung auf meine Erwiderung seiner latenten Sehnsüchte.

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    1. Avatar von Commandress

      Klar, nichts spricht gegen Geschäfte und Tauschhandel. Wenn beide das klar so wollen, ist’s doch ne prima Sache. 🙂
      Allerdings sehe ich das Mindset dann eben nicht als D/s Beziehung, Devotion oder Dominanz – und schon gar nicht als FLR. Sondern eben als Spiel, als Deal, oder von mir aus auch als SM Session.

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