Über das Überleben, Narben und die Kunst, wieder aufzustehen

Eine kleine Warnung vorab: Es folgt ein hoch persönlicher Text. Denn auch dafür ist dieser Blog da. Es ist nämlich meiner.


Das Jahr 2025 hat mich wirklich sehr gebeutelt. Diejenigen, die diesen Blog verfolgen, wissen womöglich, dass sich ein verdammter Tumor erdreistet hatte, es sich hinter meinem linken Auge gemütlich zu machen.

Es folgte eine äußerst anstrengende, schmerzhafte OP samt anschließender, sechswöchiger Bestrahlungstherapie, das ging so bis Mitte Mai – und war übrigens auch der Grund für die zeitweise mit Stolz getragene, kleidsame und überaus coole Space Pirate Queen Augenklappe. Nein, die war kein (reines) modisches Statement.

Der Kampf gegen die Hilflosigkeit

Die Operation, die grässlichen Medikamente, die Bestrahlung und der mit all dem verbundene körperliche Zustand waren etwas, mit dem ich sehr zu kämpfen hatte. Ich hasse es, ausgeliefert und hilflos zu sein – fast ebenso sehr, wie ich es verabscheue, mich schwach zu fühlen. Kann ich nicht mit. Ich bin eine Frau, die gerne die Kontrolle hat.

Also habe ich gekämpft.

Ich kämpfte vom Aufwachen auf der Intensivstation an, über die Wochen im Krankenhaus, gegen das ekelhaft hoch dosierte Kortison, gegen meine plötzliche, einseitige Blindheit – und on top vier Wochen der überraschenden Stimmlosigkeit, von denen keiner der panischen Ärzte so recht wusste, was oder wer sie verursacht haben könnte. Sehr gruselig.

Ich habe mich aus dem Krankenhausbett gequält, bin nahezu täglich mehrfach alle für mich nur irgendwie erreichbaren Treppenstufen der Heidelberger Kopfklinik hochgekrochen, meine schicken Schläuche und Kabel im Schlepptau, wie ein Monster aus einem schlechten Science-Fiction-Film.
Liegenbleiben war niemals eine Option.

Wenn sich die Welt zusätzlich aus den Angeln hebt

Und dann, mitten in den Wochen der Bestrahlung, beging ein mir und vor allem auch meinen Kindern unendlich wichtiger, wundervoller Mensch Suizid.

Ich musste also irgendwie durch diese medizinische Prozedur, dabei nicht an meinen Gefühlen ersticken, und gleichzeitig für meine Kinder Mutter und Stütze sein. Sie auffangen und festhalten in einer Zeit, die kein Kind jemals erleben müssen sollte.

Abschiede und Ungewissheit

Hinzu kam, dass mir keiner der behandelnden Ärzte Hoffnungen auf eine mögliche Fortführung meines geliebten Berufes machen konnte. 

Auch musste ich mein wundervoll verrücktes, kleines Fotostudio auflösen, da die laufende Miete und das Nicht-Wissen, ob ich überhaupt jemals wieder fotografieren würde können, mich einfach überfordert hätten.

Ich musste Ballast loswerden.

Bis letzten Oktober durfte ich wegen der Nebenwirkungen nicht Autofahren. Teilweise wäre ich körperlich auch gar nicht in der Lage dazu gewesen, von meiner eingeschränkten Sicht ganz zu schweigen.

Einen Monat lang war ich in Reha. Während der Zeit dort habe ich fleißig Online-Fortbildungen gemacht, in der Hoffnung, einer zukünftigen Berufsunfähigkeit etwas Handfestes (und für mich dennoch interessantes) entgegenzusetzen zu haben.


Und ja, ich habe in dieser Zeit diesen Blog betrieben und – zusätzlich zu meiner Krankengeschichte – all die Dinge erlebt, organisiert und geschrieben, über die ihr hier gelesen habt. Und auch darauf bin ich, verdammt noch mal, ehrlich stolz. Stolz auf die Ideen und ihre Umsetzungen, stolz auf die nie nachlassende Verspieltheit und auf das Commitment, das damals noch ein gemeinsames war.

Lichtblicke und Neuanfänge

Jetzt, etwa ein Jahr nach der Behandlung, würde ich mich für wieder ziemlich fit erklären.

Klar, ich bin auf keiner Ebene unversehrt aus dieser Geschichte rausgegangen. Ich sehe nicht mehr aus wie vorher und muss mich mit gewissen Einschränkungen anfreunden. Was mir wahrlich nicht immer leichtfällt.


Mein ehemaliger Partner, mein damaliges Eigentum, hat mir in der Zeit meiner Krankheit und Trauer viel Kraft und tatkräftige Unterstützung geschenkt. Durch seinen Optimismus, seinen Willen mir beizustehen, seine unermüdliche Präsenz und auch durch seine enorme Begeisterungsfähigkeit für meine Ideen – und auch durch seine Freude am Kink.

Dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Daran ändert sich nichts, auch wenn er sich nun im Januar letztendlich entschied, eigene Wege zu gehen.

Eine FLR zu führen, hat mir auch in schweren Zeiten gut getan. Sie war mir Anker, Struktur und kreative Freude – und niemals eine Belastung. Eine andere Form der Beziehung habe ich mir tatsächlich keinen Augenblick lang gewünscht.

Ob sie allerdings überhaupt ein realistisches Modell sein kann, darüber habe ich während der Trennung viel nachgedacht. Und bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass sie es sein kann. Für mich auf jeden Fall.

Insgesamt haben mir so viele unfassbar wundervolle Menschen zur Seite gestanden und mir von ihrer Energie abgegeben, haben mich seelisch, geistig und auch durch Taten unterstützt. Bessere Freunde hätte es in solchen Zeiten nicht geben können. Ihr seid wundervoll!


Und jetzt?

Da ihr mich immer wieder danach fragt: Diesen Monat fange ich wieder an zu arbeiten – bei meinem alten Arbeitgeber, nach unzähligen Tauglichkeitsuntersuchungen und bürokratischen Hürden. Ich habe seit 25 Jahren einen ungewöhnlichen Job, den ich sehr liebe, und ich bin echt irre froh, dass ich ihn weiter ausüben kann und darf.

Und ich habe ganz unverhofft einen  spannenden Menschen kennen gelernt, der in vielen Bereichen erstaunlich ähnliche Vorstellungen vom Leben hat, wie ich. Und der mich zum Lächeln und zum fiesen Grinsen bringt.


Warum ich das alles erzähle?

Um euch teilhaben zu lassen. Ja, es gibt verdammt gemeine Phasen im Leben. Und ja, so manches tut einfach nur irre weh, innen und außen. Wir vernarben. Keiner von uns bleibt auf seinem Lebensweg unversehrt.
Aber wir kämpfen selbstverständlich weiter. Weil es sich einfach immer lohnt, weil neue, fantastische Menschen in unser Leben treten und an jeder Ecke wundersame Abenteuer auf uns warten.

Wir sind alle stärker, als wir denken. Und wir lassen uns nicht unterkriegen, komme was wolle!

Kommentare

  1. Avatar von

    Liebe Commandress,
    ich bewundere deine Stärke und deinen unverwüstlichen Optimismus und ich freue mich unendlich für dich, dass es so gut weiter gegangen ist!
    Herzliche Grüße,
    Madame Godot

    1. Avatar von Commandress

      Danke. Ja, das war schon ein wilder Ritt.

  2. Avatar von

    Liebe Commandress,

    auf die Stärke und die Narben. Bei allen „geht der Lack ab“ – bei manchen kommt die Patina!

    Bitte behalten Sie ihren ansteckenden Optimismus bei und viel Freude beim Wiedereinstieg!

    Alles erdenklich Gute

    kay

    1. Avatar von Commandress

      Danke Kay,
      Selbstverständlich behalte ich Lebensfreude und Optimismus bei – alles andere wäre ja auch sehr albern!

      Wo bleibt mein Getränk?!

  3. Avatar von

    Liebe Commandress,
    Danke für diesen wundervollen Beitrag, für deine Offenheit und Ehrlichkeit auch angesichts solch schwieriger Phasen im Leben. Ich freue mich ungemein für dich, dass es dir heute trotz allem erlebten wieder so gut geht und du einen neuen Begleiter an deiner Seite gefunden hast. Ich wünsche dir und euch alles erdenklich Gute und freue mich auf unser nächstes Wiedersehen.
    Layla

    1. Avatar von Commandress

      Danke, meine Liebe. Ja, das Leben geht – zum Glück – immer weiter. Du kennst das ja: Aufstehen und Krone richten, Blick nach vorne. Es ist es wert.

  4. Avatar von Daira Bär

    Liebe Commandress,
    ich danke Dir für diese Teilhabe an Deinem persönlichen Weg. Und Du ahnst gar nicht, wie viel Kraft Du damit gibst. Ich rede nicht so offen über meine Schicksalsschläge, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Privat ist das etwas anderes. Aber gerade Deine Geschichte macht Mut. Und ich danke Dir von ganzem Herzen dafür.
    Liebe Grüße
    Daira

    1. Avatar von Commandress

      Es freut mich wirklich enorm, wenn meine Schilderung jemandem auch nur ein winziges Bisschen helfen kann, etwas Kraft für schwierige Zeiten daraus zu ziehen.

      Selbstverständlich soll jede/r so mit seinen Themen umgehen, wie er oder sie es selbst für richtig erachtet. Mein Weg ist dieser – und ich fühle mich wohl damit.

  5. Avatar von

    Commandress…,

    gerne möchte ich an dieser Stelle hohen Respekt zollen für die Worte und die Art und Weise, damit umzugehen. Es gibt Zeiten im Leben, da hat man keine Wahl, und sofern man lebensbejahend ist, was glücklicherweise der Fall zu sein scheint, heißt die Losung: es geht weiter. Wenn auch vielleicht anders. Solche Dinge machen etwas mit einem. In der Regel wächst man ungemein.

    Alles Gute!

    EliZ

  6. Avatar von

    Immer wieder staune ich über dieses unverschämte Ausmaß an Resilienz. 🙂 Obwohl ich weiß, dass wir zu dieser Art von „Stärke“ im wahrsten Sinne des Wortes genötigt werden. Ich erlaube mir da schon von Zeit zu Zeit eine gewisse Verzweiflung… Irgend eine Kraft, die ermutigt und beisteht, ist der größte Segen, um durchzukommen. Ich hoffe, Du darfst nun eine lange Phase unbeschwerter sein.
    S_C

    1. Avatar von Commandress

      Danke. 🙂
      Tatsächlich fühle ich mich aber überhaupt gar nicht genötigt stark zu sein. Im Gegenteil: ich ziehe irgendeine trotzige Form der Freude daraus – und fühle mich ziemlich gut damit.
      Trotzdem darf’s von mir aus nun auch gerne mal wieder etwas friedlicher werden, ja. 😅

  7. Avatar von

    Sehr geehrte Commandress,

    vielen Dank für den Einblick in Ihre schmerzvolle, existentiell gefährliche und bestimmt auch sehr traurige Erfahrung … Krebs ist eine scheiss Krankheit!

    Um so mehr freue ich für Sie, dass Sie einen neuen Partner kennenlernen „…Und der mich zum Lächeln und zum fiesen Grinsen bringt. …“ hoffentlich hilft das Ihnen all diese schrecklichen Erfahrung schnell verarbeiten zu können.

    Lieben Gruß aus Hamburg

    1. Avatar von Commandress

      Vielen Dank. 😊

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