Es ist faszinierend zu beobachten, wie intensiv beim Thema Female Led Relationship immer wieder nach Anleitungen und starren Regeln gesucht wird. Fast so, als handele es sich um eine unbekannte Sportart oder eine komplexe Handwerkskunst, die man erst mal theoretisch durchdringen muss, bevor man sie praktizieren darf.
Überall finden sich Handbücher, Podcasts, Selbsttests und Forendiskussionen darüber, wie „die“ FLR angeblich zu funktionieren hat.
Ich verstehe die Sehnsucht nach Orientierung in einem Beziehungsmodell, das so gar nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht durchaus. Und doch finde ich diese Regelflut befremdlich. Denn im Kern geht es doch schlicht um eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich lieben und ihr Leben so gestalten möchten, wie es ihnen gut tut.
Verlernen statt Lernen
Eine weiblich geführte Beziehung ist keine Wissenschaft und erstmal auch nicht sonderlich komplex. Man muss dafür vorab nicht wirklich etwas lernen – aber womöglich wäre es gut, etwas zu verlernen: nämlich die patriarchalen Beziehungsstrukturen, an die wir uns gesellschaftlich gewöhnt haben.
Doch genau hier setzen viele Ratgeber an und biegen direkt fies falsch ab.
In meinen Augen sind viele dieser Guides nichts anderes als der Versuch, eine komplett männlich zentrierte, sexuell aufgeladene Fantasie so zu verpacken, dass die erregende Illusion entsteht, die Frau führe.
In Wahrheit darf sie in diesen Konzepten allerdings gar nicht wirklich führen. Sie soll – garniert mit Kink und Porno-Ästhetik – lediglich die Vorstellung des Mannes bedienen, wie erregend es wohl wäre, sich temporär unterlegen zu fühlen. Damit das funktioniert, muss sie tief in die Trickkiste greifen: Toys, Gadgets, Keuschhaltung, Cuckolding.
Als „Gegenleistung“ erhält sie dann, laut diesen Ratgebern, meist „mehr Hilfe im Haushalt“. Yay.
Kink ist keine Währung
Versteht mich nicht falsch: Nichts gegen Kink und geilen Scheiß! Sexuelle Vielseitigkeit ist etwas wunderbares. Ich selbst lebe und liebe das. Aber sie sollte niemals als Währung oder gar Druckmittel eingesetzt werden. Erotik findet statt, weil zwei Menschen es genau so wollen – und nicht, weil der Mann nur dann bereit ist, den Abwasch zu machen.
Zu oft lese ich den Rat, den Mann „keusch zu halten“, um ihn gefügig zu machen. Im nächsten Absatz wird dem Mann wiederum geraten, der Frau Wünsche zu erfüllen, damit sie sich auf seine Fantasien einlässt. Was soll das sein? Beziehungsbasiertes Sexworking? Ein Deal: Pseudo-Entlastung der Frau in ihrer gottgegebenen Rolle als Haushälterin, gegen Ejakulationsmanagement.
Fakt ist: Hier dreht sich am Ende doch wieder alles um den Penis und die männliche Sexualität. Nicht um weibliche Bedürfnisse und erst recht nicht um eine stabile, freudvolle Partnerschaft.
Das Fundament: Die funktionale Beziehung
Damit eine FLR wahrhaftig funktionieren kann, muss etwas Fundamentales gegeben sein: eine erwachsene, funktionale Beziehung. Der Alltag muss laufen, es braucht ein stabiles Wir-Gefühl und eine Führung, die beide intrinsisch wollen. Ein „Du darfst so lange führen, wie es mich erregt“-Arrangement führt zwangsläufig zu Frust. Noch schlimmer ist nur: „Du musst führen, weil mich das geil macht.“
Sich auf weibliche Führung einzulassen, bedeutet meist, sich mit echter Kommunikation auseinanderzusetzen. Verantwortung zu tragen, Zuständigkeit und Fürsorglichkeit zu entwickeln, Raum zu geben und Emotionalität zuzulassen. Loyalität wirklich zu leben und sich gegenseitig stets im Blick zu behalten.
Der Abwasch muss dafür sowieso schon erledigt sein. Und der Kink folgt dann vielleicht als i-Tüpfelchen, als Ausdruck von Verspieltheit und gemeinsamer Spannung, für die es erst Entfaltungsmöglichkeiten gibt, wenn ein stabiles Fundament gelegt wurde.
Er ist aber ganz definitiv nicht die Belohnung für das „So-tun-als-ob“.
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