Aftercare – brauchen wir das?

Heute geht’s um Aftercare, also um das Kümmern danach. Nach was? Nach dem Spiel, der Session, dem BDSM.


Wie eigentlich immer und bei nahezu allen Themen rund um Kink und Sexualität, ist auch das Bedürfnis nach Aftercare enorm unterschiedlich und sehr persönlich. Manche Menschen brauchen sehr schnell viel davon, andere wiederum selten bis gar nicht – und wenn, dann nur nach Ausnahmesituationen. Und dazwischen gibt es jede denkbare Variante.


Sicher aber ist: Nicht nur devote, masochistische oder submissive Menschen brauchen Aftercare. Auch Aktive können in ein tiefes, emotionales Loch fallen, wenn sie sich nach dem gemeinsamen Ausleben nicht aufgefangen fühlen. Mir ist das selbst schon passiert – und zwar ziemlich heftig.
Damals konnte ich gar nicht richtig einordnen, was da in mir geschieht, warum ich mich so niedergeschlagen, einsam und traurig fühlte, obwohl ich kurz vorher eine erfüllende, intensive Zeit hatte.


Fakt ist: Je tiefgreifender das Spiel, desto stärker fahren oft die Hormone – und damit auch die Gefühle – Achterbahn. Auf ein intensives Hoch folgt nicht selten ein tiefes Tief. Dem kann man jedoch gut entgegenwirken. Unter anderem eben mit Aftercare.


Viele BDSMler kennen dieses Tal der Verzweiflung, das einen nicht nur an sich selbst, der Verbindung zum Spielpartner oder den Geschehnissen zweifeln lässt, sondern manchmal sogar am gesamten BDSM-Kontext.


Solche Gefühle können entstehen, wenn durch intensives Miteinander Hormone wie Adrenalin, Dopamin und Endorphine ausgeschüttet werden, die uns in einen rauschähnlichen Zustand versetzen, welcher aber naturgegeben nicht dauerhaft bestehen bleiben kann.

Werden diese Stoffe wieder abgebaut, kann – wenn uns niemand auffängt – aus einem Höhenflug schnell ein emotionaler Fall werden.
Und das ist wirklich verdammt unangenehm.


Was dabei oft vergessen wird: Gute Aftercare beginnt nicht erst nach der Session, sondern bereits davor. Idealerweise sprechen wir vorher darüber, was wir brauchen könnten, welche Erfahrungen wir gemacht haben und was uns hilft, wieder sicher im Alltag anzukommen.

Manchmal wissen wir das selbst noch nicht genau – auch das darf man ganz offen sagen. Dann hilft es, zumindest zu vereinbaren, sich nach dem Spiel bewusst Zeit füreinander zu nehmen oder später noch einmal nachzufragen, wie es dem Gegenüber geht.


Abfedern lässt sich ein solcher Gefühlssturz meist durch zwischenmenschliche Nähe – körperlich wie emotional. Wie diese aussieht, ist individuell. Manche brauchen eine warme Decke, Lieblingstee und ein ausführliches Gespräch. Andere sind mit einer schweigenden, herzlichen Umarmung zufrieden. Wieder andere brauchen Zeit für sich, Bewegung, ein heißes Bad oder Musik, um wieder in Balance zu kommen.


Aftercare umfasst dabei nicht nur emotionale Nähe, sondern auch praktische Aspekte. Gerade nach körperlich intensiven Sessions gehören dazu zum Beispiel das Versorgen von Spuren oder kleineren Verletzungen, ausreichend trinken, etwas Zucker, den Kreislauf stabilisieren oder kurz überprüfen, ob auch wirklich alles in Ordnung ist. Sicherheit endet nicht mit dem letzten Schlag oder dem gelösten Seil.


Auch wichtig zu wissen ist: Ein emotionaler Absturz kommt nicht immer sofort. Manchmal setzt er erst Stunden oder Tage später ein. Und kommt somit um so überraschender.

Bei mir selbst passiert es, wenn es denn passiert, meist über Nacht, so dass ich aufwache und mich wundere, warum alles doof ist und ich mich so mies fühle. Zum Glück kann ich es inzwischen einordnen.

Auf jeden Fall kann es sehr hilfreich sein, sich nach einer Session noch einmal zu melden oder ein offenes Ohr anzubieten, auch wenn man nicht in einer Beziehung miteinander ist.


Aftercare ist außerdem keine Einbahnstraße. Klar, Bedürfnisse sind unterschiedlich, aber trotzdem tragen grundsätzlich alle Beteiligten Verantwortung dafür, dass es einander gut geht.

Das bedeutet nicht, dass jede Person alles leisten muss (oder kann) – aber dass man aufmerksam bleibt und sich gegenseitig ernst nimmt, das sollte schon die Grundvoraussetzung sein.


Nachsorge kann zudem auch mehr sein als Beruhigung oder Trost. Sie kann Raum geben für Reflexion, Feedback und das gemeinsame Einordnen dessen, was passiert ist. Genau das stärkt Vertrauen und Verbindung und macht zukünftige Begegnungen sicherer, intensiver und viel schöner.
Sollte das Gegenüber spätestens nach einer herausfordernden Session nicht selbstständig auf die Idee kommen, Aftercare anzubieten, müssen wir dies einfordern. Vielleicht weiß der oder die andere es nicht besser oder braucht in solchen Momenten etwas vollkommen anderes als wir.


Sollte das Gegenüber spätestens nach einer herausfordernden Session nicht selbstständig auf die Idee kommen, Aftercare anzubieten, müssen wir dies einfordern. Vielleicht weiß der oder die andere es nicht besser oder braucht in solchen Momenten etwas vollkommen anderes als wir.

Also sprechen wir miteinander und nehmen unsere Bedürfnisse gegenseitig wichtig. Weil es einfach alles besser macht.


Und ist dies nicht gegeben, greifen wir auf konsequente Selfcare zurück – und überlegen, ob das, was wir haben, auch wirklich das ist, was wir möchten und brauchen. Das sind wir uns selbst schuldig.

Antworten

  1. Avatar von Daira Bär

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich sehe das genau wie Du: Aftercare gehört in jedem Fall dazu. Ohne Wenn und Aber. Ganz liebes Danke für diese Aussagen.
    LIebe Grüße
    Daira

    Like

  2. Avatar von

    Wirklich interessantes Thema, es macht Spaß, Ihre Gedanken nachzuverfolgen, daher teile ich gerne auch meine. Wir haben in unserer FLR prinzipiell zwei SM-lastige Situationen, nämlich Disziplinierungen und Spiel. Bei ersterem geht es um Strafe für Fehlverhalten und Weiterentwicklung, im weitesten Sinne also Beziehungspflege. In dieser Situation ist Trost oder Aftercare nicht sinnvoll, um die Lektion nicht zu verwässern, es ist ein eher erster Rahmen und nicht primär sexualisiert. Meiner Partnerin darf das natürlich auch Spaß machen (tut es auch), sie ist ja in dem Moment wirksam und stark führend. Beim Spiel ist das ganze Setting anders, es geht darum, Nähe und Verbundenheit zu haben, Grenzen zu erkunden und den Alltagsraum zu verlassen. Das ist intensiv und stark sexuell aufgeladen und daher ist dort Aftercare sehr stimmig und erwünscht.

    Einen Top-Drop habe ich auch schon – aus der Perspektive eines Subs – erlebt und das war alles andere als angenehm für uns beide. Meine Partnerin zweifelte, wie Sie liebe Commandress richtig sagten, auch an allem und lud ihre Verunsicherung ungebremst auf mich ab. Ich denke was man häufig übersieht sind hier zwei Dinge, erstens hat die Top auch Grenzen, nicht nur der Sub und zweitens sind diese Grenzen tagesformabhängig. Meiner Meinung nach hatte meine Partnerin nicht meine Grenzen überschritten (es war für mich erfüllend) sondern ihre persönliche an diesem Tag. Ich wusste in diesem Moment nicht was ich tun sollte als Sub und reagierte zwar beschwichtigend aber im Nachhinein nicht wirklich entlastend. Nun würde ich es besser machen durch die Erfahrung und Reflexion danach. Ich kann Subs hiefür den Tipp geben, dass sie auf die Stimmung ihrer Domme achten sollen und sie ehrlich – nicht inflationär – bestätigen sollten, sie ist ja auch nur ein Mensch (nein, keine Göttin!). Daher kann ich auch die Aussage bestätigen, dass Aftercare nicht erst danach beginnt sondern schon vorher.

    LG KHM

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Daira Bär Antwort abbrechen