Sie oder Du?

In manchen BDSM-Beziehungen wird dauerhaft gesiezt. Teils sehr konsequent und über viele Jahre.

Ich selbst habe eine mir sehr wertvolle BDSM-Freundschaft, in der ich nun seit durchgehend sechs Jahren gesiezt werde. Ein „Du“ ist ihm mir gegenüber noch nie über die Lippen gekommen, obwohl wir durchaus auch sehr entspannte Momente miteinander teilen. Das passt für uns beide so und fällt mir inzwischen gar nicht mehr wirklich auf.

​Generell ist es mir persönlich beim Kennenlernen erst mal egal, ob ich gesiezt oder geduzt werde. Das Siezen hält mich allerdings emotional eher auf einer gewissen Distanz – was ganz eigene Vor- und Nachteile bietet, insbesondere eben in einem Miteinander, das auf einem dauerhaften D/s-Machtgefälle beruht und keinen Alltag beinhaltet.

​In einer wirklichen Liebesbeziehung bräuchte ich allerdings ein Miteinander per Du, um ein echtes Wir-Gefühl aufbauen zu können. Denn auch im Leben einer Femdom gibt es Momente, in welchen sie Nähe und seelische Unterstützung braucht, von jemandem, dem sie voll und ganz vertraut, der sie in- und auswendig kennt – und der in ihr nicht „nur“ die distanzierte, unerreichbare Göttin sieht. Sondern auch einen kompletten Menschen mit Gefühlen, Sorgen und teilenswerten Gedanken.

Für mich persönlich ist ein dauerhaftes „Sie“ also durchaus reizvoll und vollkommen in Ordnung, solange es um festgelegte und wirklich begrenzte Rollen geht, aus denen wir nicht ausbrechen wollen.

In wahrhaftigen Liebesdingen brauche ich hingegen irgendwann ein Du. Und Raum für meine vollumfängliche, facettenreiche Persönlichkeit. Meiner grundlegenden Dominanz tut diese Nähe sicherlich keinen Abbruch, im Gegenteil: Nur in ihr kann sie sich ungehemmt und vollendet entfalten.

​Dass man sich in besonderen Momenten aber vielleicht dennoch ab und an auch in der liebenden FLR für ein situatives Siezen entscheidet, ist selbstverständlich immer eine schöne Möglichkeit, um das Gefälle verbal zu unterstreichen. Dagegen spricht gar nichts, im Gegenteil: Wie schön, wenn man alle Nuancen auch verbal zu unterstreichen versteht!

Antworten

  1. Avatar von

    Ich switche da gerne und problemlos… hat aber n Weilchen gedauert, bis es sich nicht mehr seltsam angefühlt hat.

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  2. Avatar von LutzPeter superbgracefully89683c2db7

    Vielen Dank wieder für Ihren sehr interessanten und wichtigen Beitrag, sehr verehrte Madame Commandress.

    Da ich Oldschool bin, gehört für mich beim Kennenlernen natürlich zuerst das Sie!

    Als Sub/Sklave ist es selbstverständlich, dass ich die Herrin natürlich sieze. 

    Wenn meine Herrin mir das anbietet, dann nehme ich das natürlich gerne an. Das tut aber dem Top-Down keinen Abbruch, meines Erachtens.

    Genauso ist es für mich selbstverständlich, dass ich auch die starke Schulter an der Seite meiner Herrin bin, wir miteinander scherzen, lachen, diskutieren und ob beim Du oder Sie – ich bin der Sklave meiner Herrin.

    Mit meiner ehemaligen Herrin war ich auch sehr lange beim Sie.

    Durch die enge Bindung und Freundschaft entwickelte sich auch ein „Du“. 

    Ich habe aber nie meinen Respekt gegenüber meiner Herrin deswegen verloren oder vergessen.

    Herzliche Grüße

    LutzPeter

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  3. Avatar von Daira Bär

    Vielleicht ticke ich da als Mommy Domme, dann doch etwas anders. Wenn man sich kennenlernt, kann es gerne das Sie sein. Aber sobald ein gewisses Vertrauensverhältnis, egal ob zu Dominanten oder Devoten, vorhanden ist, eindeutig das Du. Du bedeutet ein gewisses Maß an Vertrauen. Und ohne das ist ein Kontakt für mich einfach nicht auf Dauer vorstellbar. Frei nach dem Satz: „Ich weiß, dass das Du hier üblich ist, aber bei Ihnen würde ich gerne das Sie beibehalten.“Liebe GrüßeDaira

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    1. Avatar von Commandress

      Ja, zum Glück sind auch Femdoms auf so vielen Ebenen so vielseitig und unterschiedlich. Ich finde das toll!

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      1. Avatar von Daira Bär

        Genau darum, lese ich hier so gerne mit und kommentiere. Die Welt wäre doch ein langweiliger Ort, wenn wir alle gleich wären. Nur durch Vielseitigkeit und Unterschiede können wir doch voneinander lernen. Und wenn es eben die Erkenntnis ist, dass man mit manchen Menschen lieber doch gerne per Sie wäre. 😉 Die Autorin des Beitrages und der bisherigen Kommentare sind hiervon natürlich auszuschließen.
        Liebe Grüße
        Daira

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  4. Avatar von Germanchastity

    Also, ich bin eher Team „Du“.

    Ich habe viele Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet und neue Kollegen/Kolleginnen brauchten mich nie zu siezen, auch wenn ich ihr „Vorgesetzter“ war. Wenn ich gesiezt wurde, dann fühlte ich mich „alt“. Ja, ich war denen gegenüber zum Teil viel älter, aber für mich fühlte sich ein „Du“ immer persönlicher an.

    Im BDSM Kontext würde ich eine dominante Person nie duzen, egal wie alt sie wäre. Ich bin „unten“ und daher habe ich die Person, die über mir steht, zu siezen.

    Ich bin mir aber auch im Klaren darüber, dass diese Konstellation dann nicht mehr zu „halten“ ist, wenn D/s persönlicher wird.

    Ich finde es schwierig, nur „schwarz / weiß“ zu sehen.

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