Vielleicht habt ihr euch schon einmal gefragt, wo denn die Unterschiede zwischen FLR und TPE liegen?
Im BDSM-Kontext steht die Abkürzung TPE für Total Power Exchange (zu Deutsch: totale Machtübertragung).
Während viele BDSM-Beziehungen Rollenspiele oder zeitlich begrenzte Machtgefälle beinhalten, geht TPE einen entscheidenden Schritt weiter: Es beschreibt eine Beziehungsform, in der die unterwürfige Person die Entscheidungsgewalt über nahezu alle Aspekte ihres Lebens dauerhaft an die dominante Person abtritt.
In einer FLR kann es ebenfalls so weit kommen, dass ein TPE stattfindet. Es muss aber nicht. Immerhin entscheidet hier die führende Frau, wie weit und in welche Richtung sie die Beziehung führt. Sie kann also durchaus gewisse Lebensbereiche ausklammern.
Aber: Was bedeutet TPE nun konkret?
TPE ist ein Lebensstil – kein spielerischer Kink und nichts, um mal eben die Erotik in einer Partnerschaft aufzupeppen.
In einer TPE-Beziehung entscheidet der dominante Partner oft über:
– Alltagsroutinen: Schlafenszeiten, Ernährung, Kleidung oder Körperpflege.
– Finanzen und Karriere: Verwaltung des Geldes oder berufliche Entscheidungen.
Soziales: Also, mit wem sich die unterwürfige Person trifft oder wie sie kommuniziert.
– Sexualität: Wann, wie, mit wem und ob sexuelle Handlungen stattfinden.
Dabei ist es selbstverständlich wichtig zu betonen und zu verstehen, dass TPE rechtlich und ethisch immer auf Konsens basiert. Es ist ein freiwilliger Verzicht auf Autonomie, der jederzeit (theoretisch durch ein Safeword oder eine Abbruchvereinbarung) beendet werden kann – auch wenn das Ziel die dauerhafte Hingabe ist.
Selbstredend leben wir in einem freien Land, in dem jeder eine Beziehung beenden kann, wann und wo er oder sie möchte. Egal, was vorher gesagt, geschworen oder unterschrieben wurde. Daran ändert auch ein sexy Vertrag nichts.
Warum lebt man TPE?
Für Außenstehende mag das extrem einschränkend (und womöglich auch sehr fragwürdig) wirken, doch für die Beteiligten bietet TPE tiefgreifende psychologische Vorteile – falls entsprechende Neigungen vorhanden sind. Und zwar nur dann.
Hier ein paar Beispiele, weshalb sich manche nach solch einer Extremform sehnen mögen:
-Entlastung durch Entscheidungsabgabe: In einer komplexen Welt empfinden viele Subs die totale Abgabe von Verantwortung als befreiend. Der Entscheidungsmüdigkeit wird entgegengewirkt; man muss nur noch „sein Bestes geben“ innerhalb der gesetzten Regeln.
– Ultimatives Vertrauen: Für den Dom bedeutet TPE die höchste Form von Verantwortung und Fürsorge. Für den Sub ist Vertrauen gefühlt das radikalste Geschenk, das man einem anderen Menschen machen kann.
– Sinnhaftigkeit und Struktur: TPE gibt dem Alltag eine klare Ordnung. Jede Handlung, und sei sie noch so klein (z. B. ausreichend Wasser zu trinken), wird zu einem Akt der Hingabe und stärkt die Bindung.
– Steigende erotische Spannung: Für jene unter uns, die sich als sexuell dominant oder devot identifizieren, gibt es wohl kaum etwas Aufregenderes als den Gedanken, sich auf eine TPE-Beziehung einzulassen. Selbst wenn man sich selbst nicht bereit oder willens fühlt, so weit zu gehen, ist das Kopfkino nicht zu verachten.
Wo so viel Macht übertragen wird, lauern naturgemäß jedoch auch große Gefahren. Eine gesunde TPE-Beziehung erfordert ein extrem hohes und nie nachlassendes Maß an Reflexion – und zwar beidseitig.
Ohne starken ethischen Kompass kann es dazu kommen, dass der oder die Dominante die Situation ausnutzt, was schnell in emotionalen oder physischen Missbrauch übergehen kann.
Ein echtes und dringliches Warnsignal für missbräuchliche und toxische Dynamiken wäre es zum Beispiel, wenn der dominante Part durch Einschränkungen und Regeln dazu beiträgt, dass Sub den Kontakt zu Freunden und Familie verliert. Begibt sich Sub hingegen selbstständig immer mehr in freiwillige soziale Isolation, um ganz für den Gegenpart da zu sein, ist das allerdings kaum weniger besorgniserregend.
Hinzu kommt, dass die totale Verantwortung für das Wohlbefinden einer anderen Person psychisch sehr belastend – und durchaus überfordernd – sein kann.
Wenn eine TPE-Beziehung nach Jahren endet, werden womöglich beide Seiten große Schwierigkeiten haben, wieder einen eigenständigen Alltag für sich zu finden. So etwas ist dann ein schmerzhafter Prozess.
TPE ist also die „Königsdisziplin“ im BDSM.
Sie funktioniert nur, wenn der dominante Partner die Bedürfnisse des unterwürfigen Partners sehr gut kennt und dessen Wohlbefinden stets an oberste Stelle setzt.
Außerdem sollte Sub in der Lage sein, eigene Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Grenzen rechtzeitig und klar zu kommunizieren.
Es ist weniger eine Frage von „Befehl und Gehorsam“, sondern vielmehr eine Form extremer Fürsorge auf der einen und enormen Vertrauens auf der anderen Seite. Und, hoffentlich, Liebe.
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