Das Thema „Sicherheit“ wird im BDSM inzwischen großgeschrieben. Das ist an sich natürlich gut und absolut richtig – dennoch möchte ich an dieser Stelle ein von Herzen kommendes Aber anbieten.
Mir ist klar, dass alleine die Andeutung eines „Abers“ im Zusammenhang mit Sicherheit im Kink bei vielen die Nackenhaare aufstellen lässt. Damit kann ich leben. Hört mich bitte dennoch an.
Wer sich auf Sexualität und Erotik mit neuen Menschen einlässt, ist niemals vollkommen sicher.
Egal wie akribisch wir uns vorbereiten: Es bleibt doch immer ein Restrisiko. Auf beiden Seiten. Daran ändert weder ein Cover-Partner etwas noch ein (im BDSM so beliebter) „Vertrag“.
Auch das Ausmachen eines Safewords ist schön, gut und sinnvoll, kommt aber leider nicht mit der Garantie, dass es auch eingehalten wird. Und genauso wenig kann ich mir als Femdom übrigens sicher sein, dass der Mann, den ich mir zum Spielen einlade, beim dritten Treffen nicht doch versucht, den Spieß gegen meinen Willen umzudrehen.
Im Endeffekt sind wir letztendlich immer auf unsere Menschenkenntnis und unseren Verstand angewiesen, wenn es um das Thema Sicherheit geht; das muss uns bewusst sein.
Durch ständige Wiederholungen in Büchern, Foren, Podcasts und Social Media entsteht aber auf der einen Seite das Gefühl, dass wir Kinkster uns allesamt in ständiger, enormer Gefahr bewegen – und gleichzeitig versuchen wir alles zu tun, um auch das allerletzte Fünkchen Restrisiko auszumerzen. Was weder funktioniert noch dazu beiträgt, dass unser Miteinander besser oder schöner wird. Außerdem stehen wir damit andauernd mit einem Bein im lähmenden Sumpf einer hypothetischen Opferrolle.
Dies soll jetzt keinesfalls ein Plädoyer für nonchalanten „Kamikaze-Kink“ mit Fremden werden. Oder für Ignoranz. Eher ein Aufruf, den gesunden Menschenverstand wieder etwas mehr zu bemühen. Meistens haben wir doch alle ein recht gutes Gespür dafür, in welche Situationen wir uns mit wem begeben können. Und wer das nachweislich nicht hat, dem hilft auch kein noch so gut abgesprochenes Safeword und kein vorab gezeigter Personalausweis. Und der ist auch, sorry to say, schnell selbst ein gewisses Risiko für andere.
Was uns aber sicherlich allen helfen kann, ist es, uns ernsthaft Zeit füreinander zu nehmen. Für ein echtes Kennenlernen, für ergebnisoffene, ehrliche Gespräche über Wünsche, Vorstellungen und persönliche Grenzen. Oder gar Unfähigkeiten. Man muss nicht beim zweiten Treffen in die Vollen gehen und sich selbst oder dem Gegenüber irgendetwas beweisen. Aber man sollte sich eben auch nicht durch das Abarbeiten irgendeiner „Maßnahmencheckliste“ in falscher Sicherheit wiegen.
Es gibt tatsächlich ziemlich gute Vorzeichen dafür, ob ein Gegenüber vernünftig und verantwortungsvoll mit uns umgehen möchte – man darf diese nur eben nicht herbeifantasieren oder ihr Fehlen wegignorieren, weil man gerade ach so horny ist.
Jemand, der sich erkennbar Zeit nimmt, ohne Forderungen zu stellen, ist schon mal ein guter Anfang. Ebenso wie ein unverkrampftes Miteinander in der Öffentlichkeit.
Drängeln, Druck aufbauen, Fordern, übermäßige Geheimniskrämerei und jegliche Überredungsversuche sind hingegen ziemlich deutliche Warnsignale, dass man zum eigenen Wohle besser die Finger von jemandem lassen sollte.
Und wenn man sich so weit vertraut, dass man sich auf verspielte Zweisamkeit einlassen möchte?
Dann ist es noch immer verdammt wichtig, nicht das eigene Hirn auszuschalten. Und das gilt für Mann und Frau, für devot und dominant gleichermaßen. Denn genauso wie ein Sub sich nicht zu 100 % darauf verlassen kann, dass Dom das vereinbarte Safeword wahrnimmt und einhält, kann Dom sich nicht darauf verlassen, dass Sub das Safeword in der Situation, wo es angebracht wäre, auch tatsächlich sagen wird.
Nichts davon muss böse Absicht sein; Fehler können passieren, Missverständnisse entstehen. Dann müssen wir selber denken und auf uns selbst hören. Und uns zur Not sehr deutlich bemerkbar machen. Wir können Fehler nicht vermeiden, indem wir vorher irgendetwas unterschreiben oder Szenarien bis ins kleinste Detail durchkauen und absprechen.
Die Lust und die Spannung am Kink töten können wir damit aber durchaus. Es ist also eine gewisse Gratwanderung.
Man kann es durchaus mit dem Sport vergleichen: Wer klettert oder boxt, weiß um das Risiko. Man will weder sich selber noch anderen schaden, trifft sinnvolle Schutzmaßnahmen, aber die absolute Sicherheit gibt es nicht – und genau das macht die Wachsamkeit und den Fokus erst möglich. Wer glaubt, das Sicherungsseil entbinde ihn von der Pflicht, jeden Griff selbst zu prüfen, stürzt irgendwann ab.
Im Kink ist es genauso: Die getroffenen Absprachen sind die Ausrüstung, aber das eigentliche Spiel erfordert permanente Präsenz und die Bereitschaft, im Zweifel selbst die Reißleine zu ziehen.
Auch als aktive Femdom habe ich schon Spiele abgebrochen, wenn mir etwas nicht geheuer erschien. Oder wenn ich zum Beispiel das Gefühl hatte, der Sub überschreitet gerade aus welchen Gründen auch immer seine eigenen Grenzen. Und ganz bestimmt habe ich dabei auch schon Fehler gemacht, habe zu früh abgebrochen oder Warnsignale nicht direkt erkannt.
Das ist vollkommen okay und menschlich. Ausschlaggebend ist nämlich vor allem, dass es mir verdammt wichtig ist, Sicherheit zu geben und auch selber einzufordern. Darauf muss sich mein Gegenüber zu 100 % verlassen können. Und sollte ich da mal danebenliegen, sollte er in der Lage sein, mich das wissen zu lassen.
Wenn ein Fehler passiert, sprechen wir miteinander. Ohne Schuldzuweisungen und ohne Scham. Wir finden gemeinsam heraus, warum es passiert ist und ziehen dann Konsequenzen. Je intensiver das Spiel, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch mal irgendetwas schiefgeht. Das ist einfach so.
Wie beim Sport tragen alle Beteiligten die Verantwortung für sich selbst, das Gegenüber und das Spiel.
Es ist absolut okay, etwas nicht zu wollen oder nicht zu können. Das hat akzeptiert zu werden. Und zwar auf beiden Seiten. Immer. Der Rest ist eine Frage der Verantwortung und des Verstandes.
Hinterlasse einen Kommentar