Über Hingabe gibt es inzwischen eine nahezu erschlagende Menge von fast schon verzweifelt mantraartig wiederholten Sprüchen und Definitionen. Meistens lauten sie: „Hingabe ist, wenn man sich öffnet – nicht aus Schwäche, sondern aus Vertrauen“ oder „Hingabe ist, wenn Gehorsam kein Zwang ist, sondern das größte Geschenk“ – oder irgendwie so ähnlich.
Wahre Dominanz hingegen sei, „wenn ein leises Wort mehr bewirkt als ein lauter Befehl“.
Ja, vielleicht. Aber für mich hört sich das alles letztendlich doch sehr rechtfertigend und vor allem übelst klischeehaft an.
Hingabe ist Hingabe. Warum sich wer wem hingibt, ist enorm individuell und sehr persönlich. Ebenso wie der Führungswille. Nichts davon ist per Definition stark, großartig oder wundervoll. Es sind Bedürfnisse, die man eben hat – oder auch nicht. Wir tun uns sicherlich keinen Gefallen, wenn wir einem tief aus uns selbst entsprungenen Bedürfnis so eine Glückskekszettel-Definition aufdrücken. Das haben wir doch überhaupt nicht nötig!
Meine Dominanz ist nur dann gut und schön, wenn ich weiß, was ich tue – und sie bei dem richtigen Menschen auf Gegenliebe trifft. Ansonsten kann ich sie getrost zu Hause lassen.
Und Hingabe ist absolut nicht das wundervollste Geschenk, wenn es dem Gebenden letztendlich egal ist, vor wem er kniet, Hauptsache, er darf überhaupt knien.
Ich finde, es wird dringend Zeit, dass wir aufhören, unsere Gefühle und Kinks mit solchen Plattitüden vor uns selbst zu legitimieren. Denn genau das ist es letztendlich: eine Legitimation.
Unsere Neigungen machen uns weder besser noch schlechter. Sie sind per se genauso wenig bewundernswert wie problematisch. Sie sind ein Teil unserer Persönlichkeit, etwas, das zu uns gehört, und haben somit ihre Daseinsberechtigung.
Sobald wir alle anfangen, Devotion nicht mehr – irgendwie doch mehr oder minder versteckt – als „schwach“ und Dominanz als „stark“ zu katalogisieren, brauchen wir auch keine überhöhten Sprüchlein mehr, die uns trösten sollen.
Ebenso können wir dann die Mär vom erfolgreichen, alltagsdominanten „Super-Alpha“ ad acta legen, der weibliche Dominanz nur sucht, um sich neben seiner ganzen Verantwortung und dem Erfolgsdruck als Topmanager auch mal fallen lassen zu können.
Manche Männer fühlen Devotion und/oder Submissivität in sich, andere nicht. Mit ihrem Beruf und ihrem Erfolg hat das absolut nichts zu tun.
Ich finde Hingabe wundervoll. Das Allerschönste überhaupt. Ich liebe sie. Aber nicht grundsätzlich, nicht wahllos, nicht von jedem – und ganz sicher nicht, wenn sie mir aufgedrängt werden soll, weil der Andere sonst einfach nicht weiß, wohin mit sich und seinem Kink.
Für mich ist Devotion genau dann stark, wenn sie bewusst stattfindet. Und wertvoll, wenn sie zielgerichtet und persönlich ist.
Submission und Devotion als reines „Freizeitvergnügen“ ist mir vollkommen egal, die will ich nicht haben.
Mir ist auch absolut bewusst, wie viel Verantwortung in wahrhaftiger Führung liegt. Wie viel Selbstreflexion, Planung und Disziplin dazugehört, in einer Beziehung wirklich dauerhaft die dominante Rolle zu übernehmen. Und trotzdem sage ich, dass wir uns davon frei machen müssen, das zu überhöhen. Auch wenn es schwerfällt und es inzwischen so viele schöne (und meistens KI-generierte) Memes und Forenbeiträge dazu gibt.
Wir sind vollständige, komplexe Wesen – und unsere innersten Bedürfnisse und sexuellen Orientierungen sollten weder verteufelt noch glorifiziert werden. Denn damit stehen wir uns nur selbst im Weg und verhindern Glück und Selbsterkenntnis gleichermaßen. Und das wäre doch ausgesprochen schade .
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