Seelenstriptease

Ob ich mir denn bewusst sei, wie viel ich hier, beim Schreiben, öffentlich über mein Seelenleben preisgebe, wurde ich kürzlich gefragt. Und ob ich damit kein Problem hätte, denn immerhin ginge es ja um äußerst private und persönliche Belange.

Ja, selbstverständlich ist mir das bewusst. Und ich mache mir auch viele Gedanken dazu. Zum einen natürlich, weil ich hier nichts breittreten oder vermitteln wollen würde, was ich nicht auch bei einem Gespräch mit Familienmitgliedern, Arbeitskollegen oder Nachbarn offen vertreten könnte, wenn es dazu käme. Und zum Anderen, weil es nicht nur mich betrifft, worüber ich hier schreibe, sondern mindestens noch meinen Partner, eventuell aber auch weitere Personen, je nachdem, was gerade Thema ist.
Ja, hier geht es darum, wie zwei erwachsene Menschen ihre Beziehung gestalten. Und ja, dabei spielt auch die Erotik eine Rolle. Das, was wir leben, ist ein mögliches Beziehungsmodell von nahezu unendlich vielen, allen gleichwertigen. Und wir haben uns für genau dieses und kein anderes entschieden, weil es zu uns passt, uns erfüllt und uns glücklich macht.
Genau wie alle Anderen auch, müssen wir an unserer Partnerschaft konstant arbeiten, geraten mal aneinander und sind gelegentlich konträrer Meinungen. Wir haben uns im Vorfeld zwar gemeinsam unsere Gedanken dazu gemacht, wie man wohl damit umgehen könne, wenn so etwas passiert, die Realität ist aber erwartungsgemäß deutlich herausfordernder, als das durch die rosarote Brille des kinky Anfangszaubers aussehen mag.

Letztens hatten wir so eine Situation, wo es zwischen uns so richtig gescheppert hat, aufgrund letztendlich unterschiedlicher Weltanschauungen. Mit beiderseitiger Wut, Verständnislosigkeit, Sprachlosigeit und Tänen. Tatsächlich bringt es beiden nicht viel, so zu tun, als ob alleine das „Modell FLR“ diese Differenzen abfangen oder gar ungeschehen machen könnte. Aber mir selbst hat es in diesem Moment doch sehr geholfen, mich auf meine Rolle und die Ansprüche, welche ich dahingehend an mich selber habe, zu besinnen. Mein Wunsch, auch in ernsthaft herausfordernden Situationen noch verlässlich zu führen, hat für mich sehr viel dazu beigetragen, einen kühlen Kopf bewahren zu können, innerlich durchzuatmen und immer wieder zum Wesentlichen zurückkehren zu wollen. Und zu können.

Ihm fällt es in solchen Momenten wohl besonders schwer, in seiner Rolle zu bleiben, oder dorthin zurückzufinden und nicht einfach alles hinzuschmeißen. Das hat er mir gesagt. Darüber, wie sich sowas für den jeweils Anderen von uns anfühlt und was es mit uns macht, haben wir im Nachgang gesprochen. Schwierig, komplex, anstrengend, gerade im oftmals idealisierten, erwartungsbelasteten D/s Kontext – aber auch irgendwie erleichternd. Und enorm beziehungsstärkend.

Ich schreibe hier eben also ganz bewusst nicht nur nette, sexy Oberflächlichkeiten, weil ich denke, dass es insgesamt nur Sinn ergibt, über Beziehung und Sexualität zu sprechen, wenn man es offen und ehrlich tut. Hochglanzfakes und Weichzeichnerfilterpartnerschaften findet man im Netz mehr als genug. Insbesondere, wenn es um exotischere Modelle, wie die FLR geht. Was letztendlich nur dazu führt, dass man sich am laufenden Band mit absolut unrealistischem Werbematerial vergleicht, was auf lange Sicht sehr unglücklich und unzufrieden machen muss.

Also: Ja, meine Beiträge sind zum Teil sensibel und intim. Seelenstriptease. Mit unseren Höhen und Tiefen, Ecken und Kanten. Und vielleicht mache ich mich damit auf irgendeine Weise „angreifbar“. Aber das ist okay so und anders hat es für mich keinen Wert.

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